Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol

Der Flaneur und Verleger Klaus Bittermann unterwegs in seinem Berliner Kiez

Wenn Touristen – nicht umsonst dem Wort Terroristen zum Verwechseln ähnlich – Kreuzberg hören, denken sie wohl eher an das alte SO36, aber der etwas gesittere Teil Kreuzbergs, nämlich das ehemalige Berlin 61, zudem auch der Grafe-Kiez gehört ist der Wohn-Raum des Ex-Krimi-Autors, Essayisten, Verlegers und Flaneus Klaus Bittermann. Mit seinen „Kreuzberger Szenen“, ca. 80 Beiträge auf nunmehr 191 Seiten, liegt eine Buchausgabe von Kolummen vor, die zuvor in der taz oder dem Stalinisten-Blatt junge Welt veröffentlicht wurden. Da ich beide Blätter nich lese habe ich Glück gehabt.

„Trink Dein Bier und halt die Fresse.“ tönt es, und ich wundere mich, wie ein eingemeindeter Franke hier zum BVB-Fan geworden ist. Nun, Hertha BSC ist wirklich nur was für blinde Lokalpatrioten, und die Tatsache, dass es im umliegenden Brandenburg Bayern München-Fanclubs gibt liegt eigentlich auf der Hand – die größten Verlierer beten die Gewinner an. Aber gut... Und wenn Bittermann mal Hells Angels sehen will muß er schon ins spießige Charlottenburg fahren, aber sonst ist im Graefe-Kiez alles wunderbar.

Die Gentrifidingsbums nimmt er nicht ernst. Für ihn ist sie erstmal „nett und freundlich“, aber wenn erstmal Fup, der jüngste Sprößling der Bittermänner (Bittermanns?) in die Schule kommt und statt der Nachhilfe nur noch Begabtenförderung angeboten wird, dann kommt es wohl auch bei ihm an. Und dann ist es wohl für die Protagonisten seiner Szenen vorbei. Sie werden weg sein, und alles ist ruhig, eben und glatt. Aus der Punkerkneipe wird die exklusive Sushibar, aus Edeka ein Möbeldesign-Geschäft usw. Der alte Boris Karloff-Nachbar – für den jetzt die „nette und freundliche“ Gentrifizierung eingezogen ist – soll 20 Jahre lang mit ihm kaum geredet haben. Die Gentrifizierung wird das wohl auch nicht, zu sehr sind sie damit beschäftigt ihre Kinder vor dem Tennis noch kurz zum Musikunterricht zu fahren usw.

Egal. Es ist sein Blick auf seine Nachbarschaft. Und nebenbei erfahren wir einiges über des Verlegers Familie (dem BioLehrer-Bruder, den beiden Kindern und dem großen Regulativ, der Lebensgefährtin). Und wir erfahren von Welt- und stadtbekannten Bekanntschaften – die Bemerkung mit Thomas Gottschalk zur Schule gegangen zu sein wirkt etwas prahlerisch – und den vielen kleinen Begegnungen. Aber eigentlich nichts typisch Kreuzbergerisches. Gibt es das überhaupt? Das originäre liegt darin, dass es den Kiez und die besagten Personen gibt, abe irgendwie gibt es die in (fast) jeder Großstadt: die physisch und psychisch Gestörten, die Muffeligen, die Dummen, die Anger, die Schwätzer, die Bekloppten, die Säufer, die Nervbolzen. Die Netten sind rar. Aber hoffentlich nur aus dem Grund, weil Klaus Bittermann für seine Texte die ersteren interessanter findet.

Der Titel ist heute prekär angepasst. Früher hieß dies: Keene Haare am Sack, aber'n Kamm in der Tasche. Damit waren überwiegend Jugendliche gemeint mit überschwenglichen Modebewußsein. Aber das waren eben auch andere Zeiten, da geb es solche Begriffe wie Kiez und Szene noch nicht. Und die durchaus klugen und witzigen Beobachtungen des Flaneurs Bittermann sind wahrscheinlich in nicht all zu langer Zeit auch nur noch Bilder einer längst vergangenen Epoche. Aber schön, dass das mal einer festgehalten hat.

Nee, die Berliner sind nun mal so: da gibt es nischt zu meckern – d.h. alles ist gut. Aber der verberlinerte Bittermann hat auch seinen Abstand zu den Berlinern, wenn sie mal nicht freundlich sind, und ansonsten gibt es noch den gemeinsamen Feind. den Tourist. Es ist eben typisch berlinerisch – wie ich es nun mal bin – erstmal was meckern, aber nein, das Buch ist lesenswert. Es ist eine phantastische Lektüre für neben das Bett, oder neben dem Ruheplatz. Zur Entspannung – und das meine ich nicht ironisch – läßt sich immer gerne ein oder zwei der Szenen lesen, die im Schnitt ja gerade mal 1-2 Seiten umfassen in einem altengerechten Schriftbild (auch nicht ironisch gemeint). Und ein paar Bilder sind auch noch dazwischen. Also ganz im ernst: das Buch ist empfehlens- und liebenswert. Sehr schön.

Klaus Bittermann; Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol. Kreuzberger Szenen. Edition Tiamat Berlin 2011 / mit einigen Abb. / 191 Seiten / 14 Euro