"...und jeder will im Rückblick gut dastehen."

Ein Gespräch mit dem englischen Künstler Ralph Rumney (1934-2002) über das Umherschweifen, die Situationistische Internationale und über die Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was Herbert Huncke (1915-96) für die us-amerikanische Beat-Generation war, war Ralph Rumney für die Situationistische Internationale (SI). Randfiguren künstlerischer Bewegungen, die ihren Teil beigetragen haben, und letztlich die Idee konsequenter lebten, als die Protagonisten.

Rumney sympathisierte mit beiden Bewegungen die in der Mitte des 20. Jahrhunderts – jede für sich – großen Einfluss auf die internationale Kunstszene hatten. Als junger Mensch vor dem Zugriff der englischen Armee nach Paris geflohen lernte er hier die Lettristen kennen, aus denen sich dann später um Guy Debord die Situationistische Internationale formierte.

Wie aber die meisten Subkulturen werden sie irgendwann vereinnahmt, im besten Fall zerstreiten sich dann die AkteurInnen, die Organisationen lösen sich auf. So auch im Falle der Situationistsischen Internationale. Der Surrealismus wurde bekämpft, weil hier Hierarchien, Personenkult – vor allem in der Person André Breton – und Kommerz kritisiert wurde. Aber diese Kritik fiel dann irgendwann, zumindest was den Personenkult betrifft, auf die SI wieder zurück.
Frage: "Und Debord benahm sich wie Breton?" und die spontane Antwort: "Genau, ein Jakobiner, der große historische Fehler der Französischen Revolution und Vorläufer des Stalinismus."
Die intellektuellen Diven wirken überall und zu jeder Zeit zerstörerisch, selbst, wenn etwa Debord es immer abgelehnt hat als "Lehrer" oder sonstige Führerperson zu gelten (vergleiche hierzu seine Tagebücher).

Aber neben den Querelen steht die Idee der SI. Z.B. das Dérive – wörtlich aus dem Französischen eigentlich "vielleicht" – bedeutet Herumschweifen. Besonders Rumney, der "Erfinder" der Psychogeographie, jener Verbindung von Seele und Orten, pflegte diesen Lebensstil zwischen London, Paris, Venedig und anderen Orten. Wenngleich das nichts Neues war. Der französische Krimiautor und Anarchist Leo Malet benutzte diese Methode. Seine Krimis spielen in den verschiedenen Pariser Arrondissement. In den 1920er Jahre nannte man dies "Flanieren", was etwa von Franz Hessel und Walter Benjamin kultiviert wurde. Sie, die Pariser Nachkriegsjugend wollte das Rad neu erfinden, so wie eigentlich jede Jugend, und das Herumschweifen, dieses immer "vielleicht", war dann auch Vorbild für die späteren sog. Gammler und Hippies. Es zählt der Moment, das Trinken mit FreundInnen, der Umherschweifen ohne jede Verpflichtung ohne jedwede Ambition zu einer bürgerlichen Existenz.

Für Rumney, wie eigentlich für alle Existenzen aus der SI – eingeschlossen den Ausgeschlossenen – kam eine permanente finanziellen Berg- und Talfahrt hinzu. Von seiner Kunst konnte er kaum Leben und überhaupt war seine Einstellung zur Kunst eben die eines Situationisten: nicht die Kunst zählt, sondern das Leben als Künstler. Und so produzierte Rumney seine Kunst auch eher für Freunde und Bekannte als für einen Kunstmarkt, von dem er sowieso nichts hielt. Als Schwiegersohn von Peggy Guggenheim hatte er dieses Geschäft schnell durchschaut. Sicherlich, nicht jeder, der aus einer Subkultur kommt muss ein verkanntes Genie sein, aber hätte seinerzeit Rumney Peggy Guggenheim eines seiner Bilder verkauft, dann hätte der smarte, gut aussehende junge Engländer sicher auch eine glänzende Karriere gemacht. Aber das war eben nicht sein Weg. Zu keiner Zeit lamentiert er in diesen Gesprächen über dieses: was wäre wenn. (Mit seiner Kunst hat er es trotzdem in die Londoner Tate-Galery geschafft.)

Rumney Energie und Ideenreichtum ließ ihn in London, Paris oder Venedig immer wieder glänzen, selbst wenn nicht immer alles erfolgreich verlief – das Scheitern als Normalzustand. Ein Scheitern, was die bürgerliche Gesellschaft zu 90 Prozent zelebriert, aber die 10 Prozent Erfolgreichsein als Maßstab ansetzt. "...und jeder will im Rückblick gut dastehen." – Rumney auch, aber eben nicht in dem Sinne eines materiellen Erfolges, sondern im Sinne eines reichen Künstlerlebens, eines vor sich selbst Bestehens. Und sein Umherschweifen ließ ihn mit den Größen der Kunstszene seiner Zeit zusammentreffen. Seelenverwandte treffen sich immer, auch ohne Verabredung.

Ein schönes, kurzweiliges und interessantes Buch. Nicht nur als kleines Mosaiksteinchen zur Geschichte der Lettristen und der SI, sondern auch ein Zeitdokument einer oftmals unterschätzen wilden subkulturellen Zeit, nämlich der 1950er und frühen 60er Jahre. Klasse.

Jochen Knoblauch

Ralph Rumney; Der Konsul. Beiträge zur Geschichte der Situationistischen Internationale. Ein Gespräch mit Gérard Berréby in Zusammenarbeit mit Giulio Minghini & Chantal Osterreicher. Übersetzt von Michael Sander, Edition Tiamat Berlin 2011 / Reihe: Critica Diabolis Nr. 181 / 143 Seiten / 16 Euro