Um vom Mythos leben zu können bedarf es dabei gewesen zu sein.

Zum Auftakt des geplanten März-Verlag-Revivals erscheint eine kleine Geschichte des Verlages.

Mythen entstehen, wenn es genügend Geschichten und Anekdoten um ein Ereignis oder einer Sache gibt, die oft genug kolportiert werden. Jörg Schröder und sein März-Verlag – mit all seinen verschiedenen Geschäftsformen und Ablegern – ist ein solcher Mythos, der sich immer wieder neu erfindet, sich immer wieder in der gleichen Aufmachung reproduziert.

Die Dreiteilung des Buches ist klar: Jörg Schröder erzählt, Jan-Frederik Bandel ist für die akademische Klugscheisserei gut und Barbara Kalender für die Bibliographie ("...erste vollständige und verlässliche...").
Dass Jörg Schröder mehr ist als ein tatkräftiger, nicht unter zu kriegender Unternehmer dürfte sich wohl längst rumgesprochen haben.Seine Erzählerqualitäten eines subjektiven Geschichtsbildes der BRD seit den 1960er Jahre sind nicht nur unbestritten sondern auch amüsant. Die inzwischen über 56 Folgen umfassende Reihe "Schröder erzählt...." ist Kult. Zumal er jetzt, nach zahlreichen Prozessen, aufgrund der geringen Auflage von ca. 400 Exemplaren pro Ausgabe richtig vom Leder ziehen kann und alles und jeden beim Namen. Das macht halt Spaß.
Jan-Frederik Bandel – Literaturwissenschaftler und Verlagsleiter von Philo Fine Arts – gibt dem Ganzen die entsprechende literaturwissenschaftliche Weihe. Im Sinne von "das muß ja auch mal gesagt werden...". Ganz im Ernst: obwohl es sich hier nur um die "kleine März-Geschichte" handelt und auf 125 Seiten mit 364 Anmerkungen viel kluges geschrieben steht, stört mich trotzdem diese Verallgemeinerung des Begriffs "Links", "die Linken" oder "die Alternativen". Dieses historisch-politische Wimmelbild der 68er-Generation war zu keiner Zeit irgendwie homogen und spätestens mit dem Auftritt des Feminismus auch nicht mehr ganz kompertibel mit einem allgemein linken Zustand. Schröder wie Brand sind irgendwie in den 1970er Jahren steckengeblieben (bei Schröder ist das verständlich, aber bei Brand – Jahrgang 1977?) Das Verständnis von Links kommt hier noch aus einem Bewußtsein, als Der Spiegel meinungsbildend, die Süddeutschen noch richtungsweisend und (Weinbrand-)Willy Brandt noch als Hoffnungsträger und Die Grünen als Alternative galten (wozu eigentlich?). Jörg Schröder brüstet sich damit Leslie A. Fiedler entdeckt zu haben, der als erster den Begriff "Postmodern" in die Diskussion warf, aber sonst scheint ihm diese philosophische Richtung nicht weiter geholfen zu haben. Und selbst wenn der März-Verlag etwa anarchistische Klassiker wie Souchy oder Valles verlegte (andere wie Malatesta, Volin usw. sind in der nicht-erschienen-Liste der Bibliographie nachzulesen) ist der März-Verlag in erster Linie doch ein Verlag einer verbürgerlichten, marxistischen Linke (wofür er letztlich auch auch nichts kann). Jedenfalls war ich wohl mit anderen Sachen beschäftigt.
Es bleibt ihm etwa das Vorprechen in Bezug einer neuen literarischen Sprache wie etwa der der us-amerikanischen Subkultur nach Deutschland gebracht zu haben. Und dafür ist ihm eine ganze Generation junger AutorInnen hier auch sicherlich dankbar.
Und die Ausflüge in die Pornographie – mit dem März-Ableger Olympia-Press – war u.U. 1969 noch als Anti-bürgerliches Element ganz lustig, vor allem hat die unterdrückte Geilheit der Gesellschaft viel Geld in die linke Kasse gespült, aber nachvollziehbar ist dies für die jüngere Genaration heute nicht mehr – nur noch Old-Shool, nicht mehr politisch korrekt. (Günter Amendts et al "Sexfront" muss hier natürlich ausgenommen werden, ein enorm wichtiges Buch für die damalige Zeit.) Es waren eben die Zeiten, als die gute alte Tante SPD noch für Links gehalten wurde.
Was Brand hier als Links behandelt ist linker Mainstream, der bereits Mitte der 70er Jahren von Linksradikalen und Libertären gar nicht mehr weiter beachtet wurde und nur noch in den Feuilltons liberaler Blätter stattfand. So zumindest mein persönlicher Eindruck. Auch was hier über die sog. Alternativen geschrieben wird scheint mir stark pauschalisiert.
Die Rolle von Barbara Kalender an diesem Buch scheint dementsprechend zu sein. Sie, als Lebensgefährtin von Jörg Schröder und seit 1981 für das Gesamtprojekt März tätig erstellt die Bibliographie incl. 45 März-Bücher, die geplant aber nicht realisiert wurden – einige harren wohl immer noch der Veröffentlichung, bei anderen wäre es wohl interessant ob überhaupt das Manuskript den Verlag erreicht hat, oder ob es eben nur eine Luftnummer, eine Idee geblieben ist. Wollen wir hoffen,dass zumindest Jörg Schröder weiss, was er an ihr hat.

Wohl kein anderer Verlag hat es geschafft neben dem eigenen Verlagsgeschäft sich selbst derartig im Lizenzen vergeben zu etablieren: März bei Zweitausendeins, bei Rowohlt, bei Area usw. und jetzt eben März-Neuauflagen bei den Digitalakrobaten von Peter Großhaus (Anabas Verlag, Die Büchse der Pandora, Tumult). Das (erneute) Wiedersehen mit den Klassikern des März-Verlages wird die einen erfreuen und die anderen – besonders einige BuchhändlerInnen – aber wohl auch eher ermüden. Irgendwann ist halt die Fahnenstange erreicht.
Warum eigentlich nicht "März-Verlag" bei Kaisers und "Olympia-Press" bei Aldi? Oder beide Verlag beide an Aral- oder Shell-Tankstellen? Das "erweiterte Verlegertum" von Jörg Schröder macht ihn zum Ausnahmeverleger. Während sich andere Verlager damit begnügen Geld auf den Tisch zu legen, und den einen oder anderen Autor zum Kaffee einzuladen, scheint Schröder ständig darüber nachzudenken, wie er seine Projekte an die Leserschaft bringen kann. Die meisten Ideen sind witzig und originell, wenn auch gleich nicht immer erfolgreich.

Für Fans von Jörg Schröder und dem März-Verlag ist dieses Buch sicherlich ein Muß, selbst wenn hier noch nicht alle Autoren-Pseudonyme der Olympia-Press aufgedröselt worden sind, auch wenn den wahren Fans, die die "Schröder erzählt...-Reihe" subskribiert haben nichts neues erzählt wird (es gibt doch immer Geschichten, die wir immer wieder gerne hören, selbst zum xten Mal). Und Schröder als Verleger, als Unternehmer (links von dtv – Achtung! Scherz!) ist eine Marke für sich, der einmalig in Deutschland ist und vor dem Freund wie Gegner (in stillen Momenten) durchaus den Hut ziehen – zu Recht. Es gibt wohl kaum einen Verleger der derartig mit seinem Herzblut für seine Projekte gekämpft, bejubelt und gelitten hat, wie Jörg Schröder. Für das März-Projekt hat er sich Aktionen einfallen lassen, die anderen nie in den Sinn gekommen wären, und sein existentielles Auf und Ab bilden natürlich einen hervorragenden Grundstock seiner wunderbaren Erzählungen. Wer nichts (er)lebt hat auch keine Geschichten zu erzählen.
Und so überwiegt sicherlich das Informative wie das Unterhaltende an diesem Buch. Es ist sein Geld wert. Selbst wenn der Titel etwas – aber nur etwas – übertrieben scheint, so möge er doch als Lebenshaltung in dieser (postmodernen) Welt seine Berechtigung haben, und möglichst vielen als Vorbild dienen. Es funktioniert.

Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder; Immer radikal, niemals konsequent. Der März-Verlag – erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business-Art. Philo Fine Arts Hamburg 2011 / mit farbigen Abildungen / 330 Seiten / 25 Euro