Vielfalt, Bewegung, Widerstand – Texte zum Anarchismus von Gabriel Kuhn

Gabriel Kuhn; Vielfalt, Bewegung, Widerstand – Texte zum Anarchismus. Unrast Verlag Münster 2009, 141 S., 13 Euro.

Ja gut, oftmals scheint es nicht viel Neues bei den AnarchistInnen zu geben, und eines der Vorurteile, sie seien zu sehr im 19. Jahrhundert verhaftet, zumindest was die Philosophie betrifft, schein mitunter ja auch zu stimmen. Wie es auch sei, der österreichische Aktivist Gabriel Kuhn (mit derzeitigem Wohnsitz in Schweden) legt jetzt sein zweites Buch* zum Thema „Neuer Anarchismus“ vor: Vielfalt, Bewegung, Widerstand.

Es geht bei Kuhn nicht immer um einen „Neuen“ Anarchismus, was er im übrigen auch selbst sagt, aber um in den 1990er Jahren besonders in den USA sich neugebildeten Spiel- und Widerstandsarten desselbigen. Dies zu dokumentieren und darzustellen verdanken wir dem weitgereisten Gabriel Kuhn. Während er noch in seinem USA-Band sich eher auf Kommentare und Einleitungen der unterschiedliche Strömungen beschränkte, die nach den Unruhen in Seattle entstanden sind, kommen in seinem jetzigen Buch eigene Texte und Erfahrungen zum Tragen.

Er selbst kommt philosophisch eher vom Poststrukturalismus her, der solche Begriffe wie „Post-Anarchismus“ recht kritisch sieht, aber Gabriel Kuhn versteht es – im Gegensatz zur Praxis vieler AnarchistInnen – als Vermittler zwischen unterschiedlichen Philosophieansätzen zu fungieren und nicht etwa noch weitere Gräben aufzutun. Und das ist die Stärke des vorliegenden Bandes. Selten schafft es der deutschsprachige Anarchismus so International zu sein. Gabriel Kuhn bietet uns hier den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus an. Selbstverständlich ist für ihn auch, wenn er z. B. in seinem Artikel über den Anarchismus auf den Philippinen als erstes den eurozentrischen Blick auf die sogenannte 3. Welt lenkt. Weder Linke noch AnarchistInnen sind frei von Vorurteilen – ein klares Wort ist hier angebracht und notwendig. Und das ist gut so.

Seine anarchistischen Visionen sind nicht frei von Kritik, keine bloße Schwärmerei. Er erkennt das Potential des Anarchismus nicht in festgelegten Richtungen, sondern in der Zusammenarbeit, dem voneinander Lernen und agieren.

Bei aller Freude über das Lesen des Buches, und der Bewunderung über die Weitsicht des Autors, habe ich mich aber gewundert, wie Kuhn mit einem Federstrich in seinem Text über den „Schwarzen Block“ den Begriff „pazifistisch“ bewusst (?) auch die Ablehnung von Sachbeschädigung unterstellt, und somit etwa die deutsche „Graswurzelbewegung“, die ja diametral zum „Schwarzen Block“ agiert ins Aus bugsiert. Seine kritische Sicht auf den „Schwarzen Block“ wird somit etwas halbherzig. Aber mensch kann eben nicht alles haben, selbst, wenn Kuhn uns schon vieles gibt.

Nun, es ist eine wahre Freude, zu sehen, dass neben dem kleinlichen Gezänk untereinander es auch solche Aktivisten wie Gabriel Kuhn gibt, die vermitteln, die kritische Stimmen nicht als Totschlagargumente benutzen sondern konstruktiv verwenden, und einen erweiterten Blick auf den antikapitalistischen Widerstand bieten. Ein interessantes und lesenswertes Buch, welches nicht nur die eigene Meinung zu bestätigen sucht, sondern es auch wagt Überlegungen mit einzubeziehen, an denen wir unsere eigenen Vorstellungen messen und wiegen können – und vielleicht wird das eine oder andere Vorurteil erkannt, bzw. als zu leicht neu bewertet.

* Vgl. auch: Gabriel Kuhn (Hg); Neuer Anarchismus in den USA. Seattle und die Folgen. Unrast Verlag Münster 2008, 304 Seiten, 16,80 Euro