Max Stirner; Der Einzige... kommentierte Studienausgabe von Bernd Kast

Max Stirner; Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlichkommentierte Studienausgabe. Herausgegeben von Bernd Kast. Verlag Karl Alber Freiburg u. München 2009 / 452 S. / 49 Euro.

Diese neue Ausgabe von Stirners „Einzigen“ ist wohl mein 25. Exemplar verschiedener deutschsprachiger Stirner-Bücher. Es ist nicht die schönste Ausgabe, aber sicherlich die umfangreichste und intensivste, wo alles nach akademischen Diskurs riecht, inklusive dem Preis.

Max Stirner (1806-1856) und sein Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1845 bzw. 1844) hatten von Beginn an irgendwie einen schweren Stand im Leben, wie in der deutschen Geistesgeschichte. Aber während die einen ständig rumjammern, wie verkannt das Genie Stirner war und ist, wie missverstanden das Werk wird und wie ignorant beide bis zum heutigen Tag behandelt werden, sprechen die Zahlen der seit 1845 aufgelegten Bücher eine andere Sprache, bzw. es kann, wie Bernd A. Laska es nannte, hier von einem „heimlichen Hit“ gesprochen werden. Bis auf die Zeit der Naziherrschaft, war das Buch fast ununterbrochen lieferbar und erregt die Gemüter unterschiedlichster Generationen. Für einen derart missverstandenes Buch sind eine geschätzte Gesamtauflage von ca. 200.000 Ex. nicht so schlecht. Es handelt sich daher also eher um den Unmut bei den AkademikerInnen, die sich beklagen, weil Stirner nicht in einem angemessenen Rahmen die universitären Weihen erhält (und so mancher daher nicht an der Uni sein Geld verdienen kann, wie er oder sie es gerne hätten).

Stirner selbst verkehrte zwar in akademischen Kreisen, wie etwa den damaligen oppositionellen Debattierclub „Die Freien“, wo akademische Arbeit sich nur durch schriftstellerische Arbeit, reicher Vermählung oder Arschkriecherei ermöglichen ließ. Stirner selbst war Lehrer, kein studierter Philosoph, seine journalistischen Versuchen brachten nicht genügend ein, und seine „reiche Vermählung“ war nur von kurzer Dauer.
In der hitzigen Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem deutschen Vormärz, war er derjenige, der letztlich am radikalsten die Ziele formulierte. Er schoss weit über das begrenzte Denken seiner Zeit hinaus – zu einem Punkt, wo jedeR, die/der seiner Zeit vorauseilt, einsam dasteht.

Stirners Einsamkeit entstand nicht aus seinem Buch, und der Proklamation, dass alles handeln einen egoistischen Trieb folgt, sondern der Feigheit seiner Zeit groß zu denken. Der Vormärz dokumentiert den Machtanspruch des Bürgertums, samt seiner naiven Vorstellung von Demokratie – die Schritte eines lahmen Entlein – während Stirner das Fortschreiten mit Sieben-Meilen-Stiefeln erwähnte.

Die nun mehr als 160 Jahre, die seit dem Erscheinen von Stirners „Einzigen“ (hier reden viele vom „Hauptwerk“, als gäbe es ein ausgeprägtes „Nebenwerk“) vergangen sind, haben eine ganze Reihe Stirnerscher Thesen bewahrheitet, etwa den autoritären Charakter sozialistischer Ideen, die in Form einer Staatsmacht keinen Deut besser sind, als andere autoritäre Staatsformen. Sicherlich – und hier spielen 2000 Jahre christlicher Vorherrschaft eine große Rolle – wirkt Stirner bis heute auf eine Reihe von Menschen beängstigend in seiner Konsequenz. Wer will schon konsequent sein, selbst wenn die gewonnenen Einsichten da sind. Die Kompromissbereitschaft ist Konsens in der heutigen Gesellschaft, nicht ein konsequentes Handeln.

Bernd Kast, ein ausgewiesener Stirner-Kenner, legt nun mit dieser Ausgabe eine kommentierte Auflage vor. Durch das Hinzufügen von Kasts Text über Stirners Rezensenten und Kriiker (wie etwa Moses Heß, Ludwig Feuerbach und Szeliga), wird der Stirner-Text in einen Philosphiegeschichtlichen Kontext gestellt. Diese Abrundung des Stirnerschen Werkes ist längst überfällig gewesen, und eine große Hilfe für jene Menschen, die sich ernsthaft mit Stirner auseinandersetzen wollen.

Sicherlich ist es schade, dass dieses Werk nun in einem Fachverlag erschienen ist, und einem dementsprechenden Preis hat. Die „schlichteren“ (und mitunter schlechteren) Billigausgaben wie bei Reclam und area-verlag werden wohl weiterhin das Gros der verkauften Stirner-Ausgaben stellen. Dies wird auch weiterhin zu „Missverständnissen“ beitragen. Das Kast-Projekt, Stirner wissenschaftlich aufzuarbeiten, ist natürlich kein Garant dafür, dass jetzt Stirner frei davon wäre, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, Stirner breit zu diskutieren. Und vielleicht findet so auch Stirner, der ungelernte Philosoph, einen Weg in die akademischen Hallen und in den universitären Diskurs. Aber allein die Akzeptanz unter den Berufsintellektuellen wird nicht reichen, um die Stirnersche Vorstellung von einem autonomen und selbstbestimmten Menschen zu erreichen. Aber die Richtung stimmt.