Der Vorleser – Ein ärgerlicher Film.

The Reader / Der Vorleser. USA/D 2008, 123 min., R: Stephen Daldry, D: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes u.a.

Das Buch habe ich nicht gelesen – ein Weltbestseller, heißt es. Und ins Kino gehe ich auch nicht besonders gerne. Und wenn, dann ärgere ich mich immer wieder aufs Neue. Der letzte Film, der mir imponierte ist bestimmt 15 Jahre her.

Jetzt also geht es in den Film „Der Vorleser“. Vorab: der Film ist zu lang. Und ich will mich mit niemanden streiten, ob hier die SchauspielerInnen eine gute Leistung erbracht haben, oder nicht. Den Film fand ich schrecklich.
Die Kurzform könnte lauten: Sie – naiv und schuldig, Er – handlungsunfähig und schuldig. Und was soll der Film mir dann sagen? Dass wir alle schuldig sind, und nichts dagegen tun können? Dass wir uns auf unterschiedliche Weise schuldig machen können, aber nichts daraus zu lernen brauchen? Die Handlungsweise des Hauptdarstellers haben sich mir z.B. nicht erschlossen. Und das Ganze gipfelt dann noch in einen ärgerlichen – will nicht mal sagen bewussten – Antisemitismus, bzw. es werden Klischees geliefert, die diesen fördern.

Die Geschichte spielt im Nachkriegsdeutschland. Ein ca. 15jähriger Gymnasiast lernt eine etwa 36jährige Straßenbahnschaffnerin kennen und lieben. Soweit nicht schlecht (wenngleich wohl einige dies als moralisch bedenklich empfinden). Eine Besonderheit ist, dass er ihr vor dem Sex immer vorlesen muss. Eines Tages verschwindet Hannah Schmidt [richtig: Hanna Schmitz], gespielt von Kate Winslet, und die Sommerliaison ist erst mal beendet. Michael Berg (der junge von David Kross gespielt, und der ältere von Ralph Fiennes) fängt an Jura zu studieren. Er beobachtet einen Prozess gegen sechs angeklagte Auschwitz-Aufseherinnen Ende der 1960er Jahre, und entdeckt darunter seine erste große Liebe Hannah. Sie nimmt die gesamte Schuld für ein Verbrechen an 300 Juden auf sich, weil sie nicht zugeben will/kann, dass sie Analphabetin ist, und somit etwa den ausschlaggebenden Bericht über das Verbrechen hätte nicht schreiben können. Sie wird zu „lebenslänglich“ verurteilt, während die Mitangeklagten zu wesentlich geringeren Strafen verurteilt wurden. Der Ex-Liebhaber und Jurastudent schreitet wider besseren Wissens aber nicht ein. Im Gefängnis versorgt Michael Berg sie mit Hörkassetten, mit deren Hilfe sie sich selbst das Lesen beibringt. Als nach ca. 15 Jahren die Entlassung von Hanna ansteht besucht Michael Berg sie das erste Mal. Er will sich um sie kümmern, aber die Liebe ist vergangen. Kurz vor der Entlassung erhängt sich Hannah in ihrer Zelle. Sie hinterlässt Michael Berg ihr erspartes Geld, samt Teedose, welches er – weil er zufällig in der nähe von New York ist – einer der beiden Einzigen überlebenden Frauen überbringt, die damals auf dem Todesmarsch umkamen, weil die Aufseherinnen sie nicht aus der verschlossenen Kirche nach einem Bombenangriff herausließen. Die will aber das Geld nicht, sondern nur die Dose. Das Ende vom Film: Michael Berg, ein bindungsunfähiger Anwalt fährt mit seiner Tochter zu jener Kirche, wo Hannah Schmidt begraben liegt, um seiner Tochter die Geschichte zu erzählen. O.k., soweit der Schnelldurchlauf.

Eine Schlüsselszene ist sicherlich die Auseinadersetzung im Juraseminar über diesen Prozess, der allerdings zu kurz greift: Während Michael Berg verzweifelt schweigt, rennt einer aus dem Saal, weil er die Diskussion um die Nazi-Verbrechen, über den Unterschied von Recht und Gerechtigkeit nicht aushält, und ein andere plädiert dafür alle zu erschießen (hier liegt der Keim der 1968er, sowie ein grundlegendes Problem der Juristerei, denn Recht und Gerechtigeit sind zwei verschiedene Angelegenheiten). Die Unfähigkeit Bergs zu handeln führt zu einem Urteil, welches ungerecht ist. Die Schuldfrage steht nicht zur Debatte. Und es wäre natürlich nicht darum gegangen der Hanna Schmitz ein milderes Urteil zu verschaffen, sondern den Mitangeklagten ein gerechteres, nämlich eine höhere Verurteilung.

Hanna Schmitz ist zu naiv um sich einer Schuld bewusst zu sein. Wenn nun Michael Berg während des Gefängnisaufenthaltes ihr Bücher etwa von Tschechow auf Kassetten spricht – nix gegen Tschechow – aber warum nicht etwa jenes Buch, welches dem Gericht vorlag und zur Verurteilung der sechs Aufseherinnen führte, welches das Verbrechen aus der Sicht der Opfer beschrieb? Oder etwa andere Literatur zum Thema, selbst auf die Gefahr hin, dass sich Hanna geweigert hätte sich solche Literatur anzuhören. So wird Michael Berg langsam zum Opfer, der unfähig ist zu handeln. Er unterlässt alles was ihr irgendwie hätte helfen können, ihr eigenes Handeln, bzw. dessen Tragweite zu begreifen.

Am ärgerlichsten wird es aber, als Michael Berg nach dem Tod von Hanna in New York eine der beiden Überlebenden (Mutter und Tochter) trifft: Eine Jüdin in pompösen Ambiente, die das Geld der KZ-Aufseherin natürlich ablehnt. Auch hier versagt Herr Berg, der nicht mal in der Lage ist einfach nach Gutdünken das Geld zu verteilen. Eindrucksvoll wird sein Besuch (in einem Besucherfreien) Auschwitz gezeigt. Er hätte wissen können, dass Jahrzehntelang die Gedenkstätte von der polnischen Regierung unterhalten werden musste, weil der Rechtsnachfolger (BRD wie DDR) sich nicht dafür verantwortlich sah.
Der Eindruck, den vielen Antisemiten in Deutschland nach dem Krieg noch verbreiteten, dass ALLE Juden/Jüdinnen reich seien usw. wird hier genau entsprochen. Dass das jüdische Opfer das Geld der KZ-Aufseherin nicht will, ist ja noch logisch, aber warum sollte sie die alte(deutsche) Teedose nehmen? Sie erzählt zwar, dass sie als Kind, als sie ins KZ verschleppt wurde auch eine alte Teedose besaß für ihre „Schätze“, die aber hatte kyrillische Buchstaben. Es gab Juden und Jüdinnen, die im Exil es nicht mal ertrugen, wenn ein Volkswagen in ihrer Straße parkte, weil ihre Erinnerungen dadurch wieder erweckt wurden. Und dann nimmt diese Jüdin eine deutsch (!) Teedose einer KZ-Aufseherin, um diese sich neben das Bild ihrer Eltern zu stellen.
Auf die hilflose Frage von Michael Berg, dass Geld doch jüdischen Analphabeten geben zu können, kam – nicht zu unrecht, dass DIE Juden für alles eine Hilfsorganisation hätten, aber Analphabeten gäbe es unter Juden nun wirklich nicht. Also: ALLE Juden sind reich und klug (früher hieß es „verschlagen“). Alles verdammt peinlich.
Und da frage ich mich, was sich der Autor (bzw. der Filmemacher) dabei denkt? Entweder, alles entspricht der Realität (also, der Autor hat dies persönlich genau so erlebt), dann wäre dies ein Einzelfall mit eher dokumentarischen Charakter, oder es ist eben ein Roman, eine erzählerische Dramaturgie, dann bedient sie antisemitische Klischees.
Dieses lutherische Denken „Hier stehe ich und kann nicht anders“ ist einfach grauenhaft – und hilft niemanden weiter.

Verschwörerisch sind die beiden sich dann einig als Vorleser missbraucht worden zu sein. Bei der Jüdin kann ich das nachvollziehen, bei dem 15jährigen Gymnasiasten nicht. Zumal e doch dann im West-Berlin der 1970er und 80er Jahre sein schickes Domizil im hausbesetzerwimmelnden Kreuzberg hatte. Eine Zeit, die von psychologischer Selbstbefreiung nur so triefte. Und da konnte er sein Problem der Bindungslosigkeit (zu seiner Frau, zu seinem Kind usw.) nicht mal reflektieren? Nur die Mutter, die saß auch nach Jahrzehnten immer noch am selben Platz des heimischen Tisches (aber das löst u.U. auch wieder andere Psychosen aus). Aber unter „Missbrauch“ würde ich dann schon etwas anderes verstehen wollen. Was die Selektionen der Hanna Schmitz in Auschwitz angeht, so war die natürlich nicht „humaner“ als die ihrer Kolleginnen – vielleicht lediglich mit der Ausnahme, dass Schmidt nach IHREN Kriterien ging (nämlich der Qualität des Vorlesens), während die anderen, eben die der SS und deren „Arbeitsqualität“ als Standart ansahen. Beides ändert aber absolut nichts an der Schuld, die sie sich aufgeladen haben

Nachdem der Abspann dann endlich zu ende war und ich dem Ausgang zum Rauchen zu strebte, schoss mir durch den Kopf, ob dieses „Prinzip Hollywood“ wohl auch zu einem „Oscar“ führen würde, wenn Richard Gere in einem Film Adolf Eichmann spielen würde, der sich auf der Flucht vor dem Kriegsverbrechertribunal in eine junge Frau verlieben würde...
Ich weiß, das ist böse. Aber bei dem Oscar-Trubel wäre mir dann Maryl Streeps als „Beste Hauptdarstellerin“ dann doch lieber gewesen – unabhängig von ihrer Rolle – allein schon für das 15malige Erscheinen bei diesem Zirkus, ohne eine dieser blöden Figuren mitnehmen zu können.

Wie auch immer: wir haben noch tagelang über diesen Film diskutiert, und meine Sichtweise wurde nicht immer akzeptiert (zu wenig auf die Emotionen geachtet, zu viel von der Dramaturgie erwartet usw.). Das ist o.k., aber gesagt haben wollte ich sie auch mal.

Jochen Knoblauch